Alles über Microcaps, Teil 2: Dotcom- und NASDAQ-Lektionen
Bevor du dein Depot um Microcap-Aktien erweiterst, solltest du ihre jüngere Geschichte kennen. Denn was um die Jahrtausendwende passiert ist, erklärt bis heute, wie dieses Marktsegment tickt.
Wie sah die Blütezeit der Microcaps aus?
Die mittleren bis späten Neunzigerjahre gelten rückblickend als goldenes Zeitalter der Microcap-Aktien. Das Internet boomte, die Kurse kleiner Technologiefirmen explodierten, und wer früh dabei war, konnte spektakuläre Gewinne einfahren.
Mit dem Beginn der 2000er kam die kalte Dusche: Die Dotcom-Blase platzte, und Microcap-Anleger litten fast zwei Jahre lang unter einem tief bärischen Marktumfeld. Veteranen dieser Zeit erzählen, dass die Stimmung so schlecht war, dass die anfängliche Euphorie der Neunziger sich buchstäblich in Luft auflöste. Weil Handelsvolumen und Dollarvolumen der Microcaps einbrachen, wandten sich selbst erfahrene NASDAQ-Trader anderen Anlageklassen zu.
Wie hat das Internet den Aktienhandel verändert?
Wenn es ein einzelnes Ereignis gibt, das das Trading für Privatanleger neu definiert hat, dann ist es der Durchbruch des Internets. Das Netz existierte zwar schon seit den Siebzigern, aber erst in den Neunzigern eroberte das World Wide Web die breite Masse.
Davor beherrschten Broker mit saftigen Gebühren das Geschäft. 60 Dollar oder mehr pro Order waren völlig normal. Mit den ersten Online-Brokern änderte sich das quasi über Nacht: Plötzlich kostete ein Trade nur noch wenige Dollar. Wer rechnen konnte, verabschiedete sich vom teuren Telefonbroker.
Diese neue Freiheit machte Privatanleger und Institutionen mutiger, aber auch nervöser. Die Vorstellung, komplett eigenverantwortlich zu handeln, schreckte manche ab, denn der Broker als vermeintlicher Ratgeber fiel weg. Die verbreitete Sorge lautete: Ohne die “Weisheit der Broker” sind wir verloren.
In der Praxis war diese Sorge unbegründet. Frag erfahrene Trader nach ihren Erfahrungen mit klassischen Brokern, und du hörst fast immer dasselbe: Wirklich gute, unabhängige Empfehlungen gab es selten. Wenn überhaupt Aktientipps kamen, waren sie oft interessengeleitet, weil Broker mit bestimmten Häusern und Emittenten verbandelt waren. Wer voreingenommene Empfehlungen bekommt, hat im Grunde gar keine Beratung.
Warum wurden Microcaps zum neuen Spielfeld der Online-Trader?
Als Online-Trading zur Normalität wurde, wurden Anleger experimentierfreudiger. Einsteiger wie Profis entdeckten die außerbörslich gehandelten Aktien, also den OTC-Handel, in dem vor allem Nanocaps und Microcaps notieren. Damals lief dieser Handel über das OTC Bulletin Board (OTCBB), ein Kurssystem, das 2014 eingestellt wurde. Heute übernimmt diese Rolle die OTC Markets Group mit ihren drei Segmenten OTCQX, OTCQB und Pink Open Market.
Der Handel war einfacher als je zuvor, und wo mehr Freiheit herrscht, wird mehr ausprobiert. Parallel entstanden riesige Diskussionsforen, in denen Trader aller Erfahrungsstufen Tipps austauschten. Es war eine aufregende Zeit: Das Volumen im OTC-Handel schien bei jedem Blick auf die Kurstafel weiter zu steigen.
Was lehrt uns der NASDAQ-Crash?
Die Party endete abrupt mit dem NASDAQ-Crash Anfang der 2000er. Und hier kommt die wichtigste Lektion dieses Artikels: Wenn die Mid-Cap- und Large-Cap-Indizes fallen, fallen die Microcaps mit.
Warum? Weil dieselben Anleger, die Geld in Microcaps pumpten, gleichzeitig in mittleren und großen Werten investiert waren. Als die Kurse einbrachen, wollten die großen Player als Erstes ihre volatilsten Positionen loswerden und zogen ihr Geld aus dem OTC-Segment ab. Innerhalb weniger Wochen spürte der außerbörsliche Markt denselben Absturz, der NASDAQ und Dow Jones in die Tiefe riss.
Merke dir also: Was mit den großen Indizes passiert, erreicht früher oder später auch Microcaps und Nanocaps, meist sogar in verstärkter Form.
Was heißt das für dich als Anleger?
Bevor du dich in den Pink Open Market und die anderen OTC-Segmente stürzt, mach deine Hausaufgaben. Beobachte, was in den großen Indizes passiert, denn die großen NASDAQ-Trends schlagen praktisch immer auf die Microcap-Kurse durch, oft mit ein paar Wochen Verzögerung.
Das ist kein Argument gegen Microcaps. Es ist ein Argument dafür, sie mit besonderer Vorsicht zu behandeln: kleine Positionsgrößen, klare Verlustgrenzen und ein wacher Blick auf den Gesamtmarkt. Die Dotcom-Ära hat gezeigt, wie schnell aus Euphorie ein zweijähriger Bärenmarkt werden kann. Wer diese Lektion verinnerlicht, handelt Microcaps mit deutlich realistischeren Erwartungen.
Risikohinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ist keine Anlageberatung. Penny Stocks und Microcap-Aktien sind hochspekulativ; ein Totalverlust des eingesetzten Kapitals ist möglich.